Mittwoch, 24. Juni 2015

Rezension: Rot wie das Meer von Maggie Stiefvater

Rot wie das Meer
Maggie Stiefvater
script5 (12. Nov. 2012)
Hardcover
432 Seiten
18,95 Euro

Kurzbeschreibung

Jedes Jahr im November wird die Insel Thisby von mysteriösen Pferdewesen aus dem Meer heimgesucht. Die Bewohner der Insel versuche diese zu zähmen um beim jährlichen Scorpio-Rennen gegeneinander anzutreten.
Sean Kendrick hat seine eigenen Gründe, warum er Jahr für Jahr versucht das Rennen zu gewinnen.
Doch dieses Jahr ist etwas anders. Zum ersten Mal tritt eine Frau mit an. Puck Connolly, die ebenfalls ihre Gründe hat zu gewinnen.

Allgemeines

Das Thema rund um den schottischen/irischen Mythos der Meerespferde hat mich direkt angesprochen. Und da ich in meiner Kindheit ein totaler Pferdenarr war, war ich natürlich doppelt interessiert.
Es ist schon eine ganze Weile her, dass ich diesem Buch gerne eine Chance geben wollte. Bisher hatte ich mich nur nie getraut, da die anderen Bücher der Autorin immer so vollkommen überkitscht klangen. Ich hatte etwas anderes erwartet, muss ich zugeben, und wurde dann aber von einem absolut wunderbaren, beeindruckenden Buch überrascht. Für mich ein absoluten 5 Sterne + Buch. Ein absolutes Highlight.

Setting und Atmosphäre

Das Buch hat mich auf sehr unterschiedliche Art und Weise beeindruckt. In vielen Rezensionen habe ich gelesen, dass es den Lesern zu spannungsarm war, zu langsam voran ging, alles zu sehr in die Länge gezogen wurde.
Ich muss sagen, dass sie im Grunde recht haben. Das Buch beginnt sehr langsam und wird auch bis zum Schluss kaum merklich schneller, aber in diesem Fall hat es (für mich) absolut gepasst. Thisby ist keine grausame Insel im eigentlichen Sinne, Thisby ist gleichgültig. Thisby liebt man und man hasst sie. Und das Leben dort ist rau und nicht einfach. Bestimmt von Arbeitslosigkeit, Armut, Stürmen und dem allgegenwärtigen Gestank nach Fisch und Blut.
Dennoch habe ich mich dort direkt heimisch gefühlt.

Die Autorin schafft es wie selten ein anderer Schreiber, mir mit ihrem ungewöhnlichen, aber wunderbaren Stil die Atmosphäre, das Bedrückende, Entrückte näher zu bringen. Aber auch die Liebe zu diesem Ort, das Gefühl nach Hause zu kommen, oder zuhause zu sein.
Ich verstehe diejenigen, die die Insel verlassen genauso gut, wie die die bleiben wollen. Ich fühlte mich eingefangen von den Worten, von den Gerüchen, Gedanken, den Bildern und den Emotionen, die innerhalb dieses Settings transportiert wurden.


Charaktere

Aber ich denke auch die beiden Hauptakteure, Sean und Kate, tragen unendlich viel dazu bei, das Buch zu dem zu machen, was es ist, ein kleines Meisterstück. Beide sind sie vollkommen unterschiedlich und beide verbindet doch eines. Die Liebe zu einem besonderen Pferd und die Liebe und den Hass auf ihre Heimat.
Beide Figuren gehen absolut in die Liste meiner meistgeliebten Hauptcharaktere ein. Sean, der knurrige, schweigsame Sean. Der so wenig will und noch weniger hat, der ein Herz aus Gold hat und den man lieben muss.
Kate, die starke Kate, die doch so viel zu leiden hat, die sich nicht unterkriegen lässt und gegen alle Widerstände hinweg ihr Leben lebt und alles dafür tut ihrem Ziel näher zu kommen.
Zwei angeknackste, aber nicht zerbrochene Figuren, die allein für sich schon wunderbar funktionieren, aber die vor allem in der Interaktion miteinander an wahrer Klasse gewinnen.

Ich war letztendlich hin und her gerissen. Ich wusste nicht, wem ich den Sieg mehr gönnen wollte. Musste mich überraschen lassen.
Ich vermisse beide.

Aber auch die Nebenfiguren waren zart und fein, mit wenigen Strichen gezeichnet, waren absolut ausdrucksstark und sehr eigen.
Ich hatte nie Verwechslungs-Probleme, habe alle nachvollziehen können. Habe sie alle gekannt, seit Jahren, so wie Sean, so wie Kate es taten.

Handlung

Wie gesagt, am Anfang und auch der Großteil der Geschichte ist ruhig. Konzentriert sich vor allem auf die Stimmung und die beiden Charaktere. Führt einen ein in all die kleinen Details und Traditionen rund um die Insel, die Capaill Uisce und das Scorpio Rennen.
Enthüllt nach und nach die Lebensgeschichte der beiden jungen Menschen, aber auch der anderen. Und am Ende dann, ganz plötzlich, geht es los. Ich war atemlos und fiebrig. Ich fand es großartig. Fühlte mich überfallen und dachte doch nur: Ja so muss sich auch Kate gefühlt haben.
Ich bin durch das Buch geflogen, wie Sean auf seinem Hengst Corr.
Rasant, spannend, erdrückend. Ich wusste nicht, wie es ausgehen sollte. Hatte tausend Ideen, und tausend Ideen habe ich wieder verworfen. Ich war beeindruckt, wie Maggie Stiefvater das Problem am Ende gelöst hat.
Ich habe bittere, bittere Tränen geweint und mir hat sich richtig das Herz zusammen gezogen. Ich war emotional total vereinnahmt, total ergriffen und das abrupte Ende lässt einen nur noch mehr über das nachdenken, was man gerade beendet hat.


Fazit

Große Klasse. Absolut Große Klasse. Ich bin schwer beeindruckt, wie mich die Autorin mit diesem ruhigen Roman so in ihren Bann ziehen konnte.
Ich habe die Atmosphäre geliebt, das Setting, die Pferde, das Rennen, die Figuren. Ich wollte ich könnte die Insel besuchen.
Ich habe nur schwer Abschied nehmen können. Und das Ende wollte mir schier das Herz brechen.
Jetzt wo ich dieses Buch gelesen habe, überlege ich, ob ich nicht auch den anderen Büchern eine Chance geben mag. Ich habe Angst vor zu viel Kitsch, aber auf Grund ihres Erzählstils könnte ich mich vielleicht darauf einlassen. Man wird sehen.

Dieses Buch allerdings ist sicher nicht für jeden etwas, aber ich habe es von Herzen geliebt.  

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