Montag, 2. Februar 2015

[Buch unterwegs...] Wartezeit mit Herrn Kühn - oder warum Zugverspätungen manchmal in Ordnung sind...

In letzter Zeit ist es mal ausnahmsweise nicht die Deutsche Bahn, die mit ihren Verspätungen, Gleiswechseln und übervollen Bahnen meine Nerven strapaziert, sondern unser städtisches Nahverkehrsunternehmen, das es seit über einer Woche nicht schafft, eine irgendwie ominöse "Störung auf allen Linien" zu beheben.
Das bedeutet ich brauche knapp eine halbe Stunde länger bis Nachhause und gestern morgen durfte ich zur Notapotheke laufen, denn wieso sollten auch Bahnen fahren?

Jedenfalls - so sehr ich diese Verspätungen auch hasse - und so sehr ich auch gerne Abends möglichst früh zuhause und bei meinem Kerl sein möchte (und meinen Katzis) - desto mehr fasziniert es mich, dass ab einer bestimmten Verspätungs-Dauer immer mehr Bücher gezückt werden.
Da stehen dann schon mal dick eingemummelte Gestalten am Gleis, den Schal halb im Gesicht, man sieht nur noch Augen und einzelne Haarsträhnen unter Mützen, aber Handschuhe werden ausgezogen, mit kalten Händen wird das Buch von der Rechten in die Linke gelegt, dann wieder zurück.
Und wenn dann die Bahn endlich kommt, wird nur der Daumen zwischen die Seiten geklemmt, damit man schnell weiter lesen kann, wenn man das Glück hatte sich einen Sitzplatz zu ergattern.

So letzte Woche geschehen, kurz nach sechs am Hauptbahnhof in der Nachbarstadt.
Die junge Dame, an der ich vorbei ging, Marke Kunststudentin, dick eingemummelt in Schal und Parka, las sehr aufmerksam in:

"Kühn hat zu tun" von Jan Weiler

Amazon sagt dazu:
"Martin Kühn ist 44, verheiratet und hat zwei Kinder. Er wohnt auf der Weberhöhe, einer Neubausiedlung nahe München. Früher stand dort mal eine Munitionsfabrik. Aber was es damit auf sich hatte, weiß Kühn nicht so genau. Es gibt ohnehin viel, was er nicht weiß: Zum Beispiel, warum von seinem Gehalt als Polizist nach allen Abzügen ein verschwindend geringer Betrag zum Leben bleibt. Wieso sich alle Frauen Pferde wünschen. Ob er sich ohne Scham ein Rendezvous mit seiner rothaarigen Nachbarin vorstellen darf. Warum er jeden Mörder zum Sprechen bewegen kann, aber sein eigener Sohn nicht mal zwei Sätze mit ihm wechselt. Welches Geheimnis er vor sich selber verbirgt. Und vor allem, warum sein Kopf immer so voll ist. Da wird ein alter Mann erstochen aufgefunden. Das Opfer liegt gleich hinter Kühns Garten in der Böschung. Und Kühn hat plötzlich sehr viel zu tun."

Ich kenne das Buch nicht, aber ich glaube es fällt auch absolut nicht in mein Leseschema. Aber interessant, was man alles so entdeckt, was man vermutlich ohne seine Mitreisenden niemals auch nur beachtet hätte.

Ansonsten eine andere junge Dame, (ein bisschen rosaner) und eher Germanistik- als Kinststudentin (Jaja, Vorurteile lassen grüßen) las ein ganz anderes Buch, bzw. ein Buch das in eine ganz andere Richtung weist.

"Nur vier Wochen" von Natalie Rabengut

Amazon wirbt hier mit einem erotischen Liebesroman. Auch der Klappentext spricht mich jetzt nicht so besonders an, auch wenn mir das Cover - sehr untypisch für mich - tatsächlich sehr gut gefällt. 

"Anikas Leben ist streng durchgeplant: perfektes Abitur, perfektes Studium mit perfektem Abschluss und die perfekte Karriere als Anwältin in der renommierten Kanzlei ihres Vaters. Endlich soll sie die langersehnte Partnerschaft bekommen, als ihr Vater seine Meinung ändert. Aus Sorge, dass sie nur noch für die Arbeit lebt, zögert er, sie zur Partnerin zu machen. Rasend vor Wut beschließt Anika, den erstbesten Mann zu heiraten, der ihr über den Weg läuft – nur um ihren Standpunkt klarzumachen, dass sich gefälligst niemand in ihr Leben einzumischen hat. Prompt läuft sie dem Tätowierer Boris in die Arme, den die Aussicht darauf, eine vollkommen Fremde zu heiraten, nicht unbedingt begeistert. Allerdings muss er schnell einsehen, dass Anika keine einfache Verhandlungspartnerin ist."

Da das Cover eher süß als sexy aussieht und auch der Titel nicht gerade auf Erotik schließen lässt, kann ich jetzt absolut verstehen, warum die Leserin das Buch so unverfroren, offen in Händen hielt.
Wobei.... ich schäme mich auch nicht für die Bücher, die ich lese. Und ich bin immer wieder froh, wenn ich anderen Menschen begegne, die auch lesen, wo sie gehen und stehen. 

Kommentare:

  1. Mir fällt gerade auf, dass ich im Nahverkehr gar nicht mehr lese. Inzwischen fehlt mir eindeutig die Routine beim "unterwegs sein" und so wird das Buch erst gezückt, wenn ich an einem festen Ort wie Arztwartezimmer oder der Werkstatt warten muss.

    Umso spannender, was du in dieser Woche wieder bei deinen Mitreisenden für Titel entdeckt hast. :)

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  2. Mir fällt es aus verschiedenen Gründen schwer meine Umgebung natürlich zu filtern, sprich Geräusche, Gerüche, etc. "überfordern" schon mal mein Denken, was mich davon sehr gut ablenkt und mir vor allem den Stress nimmt, den diese Sinnesflut manchmal auslöst, ist das Lesen. Daher gerne auch im Nahverkehr. Gerade wenn es voll ist. :)
    Aber ich lese definitiv auch lieber an festen Orten. Auch wenn ich Zuhause gar nicht mal so viel lese, am Wochenende schon, unter der Woche weniger, weil ich dann meine knapp bemessene Zeit lieber mit meinem Kerl verbringe, oder halt eben ihm vorlese. Aber ich habs mir auch abgewöhnt da in Wettkampf mit Anderen zu treten. Ich lese wonach mir der Sinn steht, mal mehr mal weniger. :) Aber auf die Bücher in meiner Umgebung bin ich immer schlimm neugierig ^^

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  3. Faszinierend! Bei mir ist es eher so, dass ich so selten so viele Sinnesreize erlebe, dass ich die seltenen Tage, an denen ich unterwegs bin, alles ganz genau anschaue und erlebe.

    Dafür lese ich sehr viel auf dem heimischen Sofa, weil ich - je nach Arbeit - auch dort statt am Schreibtisch arbeite und in meinen Pausen das aktuelle Buch dann verlockend greifbar ist. ;) (Nicht, dass es am Schreibtisch nicht greifbar wäre, steht der doch gerade mal 1,5 m vom Wohnzimmertisch entfernt. *g*)

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    1. Ich glaube, ich beneide dich ein wenig darum. Ich bin jeden Tag mindestens zwei Stunden unterwegs und mir wird das oft draußen zu viel. Aber wenn ich vorlese, dann auch auf dem Sofa, mit einem Tee in Reichweite, oder im Bett, wenn mein Kerl im Schlafzimmer zockt. Das sind schon meine liebsten Orte, an denen ich lese :) Daher kann ich die Verlockung durchaus verstehen ^^

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