Mittwoch, 7. Januar 2015

Rezension: Wintermärchen von Mark Helprin

Goldmannverlag
17. Februar 2014
Taschenbuch
Originaltitel: Winter's Tale
ISBN: 978-3442481118
864 Seiten
9,99 Euro

Kurzbeschreibung: (Amazon)

New York, ausgehendes 19. Jahrhundert: Der Waisenjunge Peter Lake schlägt sich mit Diebstählen durch. Auf seinen Streifzügen durch die von Verfall und Verbrechen gezeichnete Stadt wird er von einem geheimnisvollen weißen Hengst begleitet, der ihm auf der Flucht vor einer Gangstermeute das Leben rettet. Als Peter in eine festungsgleiche Villa an der Upper West Side einbricht, begegnet er Beverly. Zwischen den beiden jungen Menschen entspinnt sich eine magische Liebesgeschichte.“

Allgemein:

Ich wollte ein märchenhaftes, träumerisches, Schnee-Winterbuch. Für die Weihnachtszeit, zum Drin Versinken, zum Seufzen und Mitleben.
Anfang des Jahres lief der Trailer zu Winter's Tale im Kino und eigentlich wollte ich den Film gerne sehen, aber da ich niemanden fand, der ihn mit mir gucken wollte, habe ich darauf verzichtet. Im Dezember dachte ich mir dann – hey, warum nicht – wieso nicht das Buch dazu lesen?
Spricht doch nichts dagegen. Und oh wie sehr ich mich geirrt habe. Es spricht so gut wie alles gegen dieses Buch. Bestseller von Neunzehnhundert-wann-auf immer – gut und schön – aber trotzdem war mein Lesevergnügen nur sehr klein – bzw. ich möchte fast sagen, gar nicht vorhanden.

Genre:

Von Anfang an fiel es mir schwer, das Buch in ein bestimmtes Genre einzuteilen. Inhaltlich und auch stilistisch wirkte das ganze so wirr, dass ich Mühe hatte etwas zu finden, an dem ich mich geistig festhalten konnte. Wirr - leider nicht auf die gute Art.
Zunächst habe ich überlegt, ob es ein historischer Gesellschaftsroman mit fantastischen Elementen sein sollte, aber so richtig passend erschien mir das nicht. Dann habe ich überlegt ob es vielleicht eine Art abgedrehter Dystopie ist, oder vielleicht einfach ein Roman über eine – sagen wir – parallele Entwicklung der Welt. Ich bin bis zum Ende nicht zu einem befriedigenden Ergebnis gekommen. Eine winterliche Liebesgeschichte wie vom Klappentext assoziiert war es auf jeden Fall nicht.
Nach knapp 300 Seiten oder so, verlassen wir als Leser nämlich den Beginn des 20. Jahrhunderts und befinden uns kurz vor der 2000er Wende. Ich bin dazu übergegangen das Buch nur noch als „Millenium-Roman“ zu bezeichnen. Ein Roman über die Jahrtausendwende mit fantastischen Einflüssen. Zumindest kann man es so sagen, wenn man es wohlwollend ausdrücken möchte.
Möchte ich an dieser Stelle aber nicht.
Für mich waren diese ganzen 864 Seiten eine Ansammlung von langatmigem, philosophischen Geschwafel, in dem der Autor mehr als einmal und mehr als überdeutlich die Moralkeule schwingt.

Seite 135

Story und Aufbau:

Die meisten Geschehnisse sind unwichtig für die Handlung, unglaubwürdig und an den Haaren herbei gezogen.
Selbst die Beschreibungen und die Interaktion der Figuren bleibt durchgehend oberflächlich. Es gibt einfach zu viel Show und leider zu wenig Tell.
Das eben bereits angesprochene Ende des Ersten Teils hat dem ganzen übrigens wirklich jede Glaubwürdigkeit genommen. Ich möchte nicht zu viel verraten, aber dieses „Zwischen-Ende“ hat dem gesamten vorherigen Verlauf der Geschichte nichtig gemacht. Inhaltlich ist der Roman also bodenlos.
Die Stellen, in denen Beverly auftaucht, sind zwar noch angenehm und schön zu lesen, aber wirklich alles andere ist mehr als quälend, weil einfach im Grunde nichts, wirklich gar nichts passiert.
Während des Lesens schwankte ich zwischen morbider Neugierde, dekadenter Faszination und Selbstgeißelung. Am liebsten hätte ich selbst eine Bombe auf diese Stadt geworfen, nur damit das Buch endlich ein Ende hat.
Aber das Ende war ähnlich furchtbar wie der Rest, beantwortet keinerlei Fragen, lässt Unmengen an offener Fäden herum liegen und mit keinem der Charaktere habe ich noch mitgefiebert. Ich habe von Anfang an nur weiter gelesen, weil ich so gerne wissen wollte, ob das ganze Gewirr noch einen Sinn hat und ob es in einen ordentlichen Zusammenhang gefügt wird. Leider ist dies nicht der Fall. Die letzten 20 Seiten sind noch abstruser, als die 800 Seiten davor.

Auch mit dem Klappentext hat das Buch so gut wie nichts zu tun. Die Geschehnisse, die dort angesprochen werden, füllen ansatzweise 50 Seiten des Buches. Und das auch nur zum Teil.
Denn mit dem Zeitwechsel, wechseln wir zwar nicht den Ort, aber leider – oder vielleicht sogar Gott sei Dank, die Protagonisten. Womit wir bei einem weiteren Thema wären, das mir sehr sauer aufgestoßen ist.
Den Charakteren.

"Beverly vermeinte den Winter zu sehen. Auf Lichtbündeln, die von den glänzenden Linsen des optischen Gerätes wie schimmernde Lanzen aufzuckten, ritt er durch den Raum, hinüber zum Feuer, zum spiegelnden Glas der Fenster und schließlich zum Blau ihrer eigenen Augen."Seite. 124

Charaktere:

Ich weiß gar nicht wo ich anfangen soll zu schimpfen. Im ersten Teil des Buches war noch ersichtlich, dass es sich bei Peter Lake, dem Waisenjungen, dem Mechaniker, dem moralisch korrekten Dieb und Einbrecher um den Protagonisten handelt und um Pearly Soames, den verrückten Bandenführer um den Antagonisten.
Dennoch war mir auch Peter schon nicht sympathisch. Er wirkte zunächst naiv, dann jedoch selbstgerecht und arrogant. Und seine Passagen ließen an Spannung vermissen. Pearly ist der typische Bösewicht, der da ist um böse zu sein. Der Konflikt zwischen beiden Figuren war unkreativ. Trotzdem muss man sagen, dass beide Figuren an dieser Stelle zumindest noch wage so etwas wie eine Persönlichkeit besessen haben.
Beverly war mir dagegen sehr genehm. Ihre Passagen lasen sich träumerisch gefällig, leider hatte sie viel zu wenig Platz in diesem Buch.
Im zweiten Teil jedoch werden viele weitere Figuren eingeführt und obwohl der Autor ihnen allen eine Hintergrundgeschichte verpasst und Teile ihrer eigenen Geschichte erzählt, bleiben sie merkwürdig gesichtslos, verschwimmen und lassen alle an Persönlichkeit vermissen. Im Verlauf der Handlung waren sie kaum noch auseinander zu halten.
Der ständige Perspektivenwechsel (3 Abschnitte auf zwei Seiten) wirkte sinnlos, zumal vieles einfach nicht zur Geschichte beitrug.
Einige Nebenfiguren werden eingeführt, dürfen ab und zu ein paar Phrasen von sich geben und verschwinden, dann schnell wieder in der Versenkung, aus der sie kamen, ohne wirklich einen Anteil an der Romanentwicklung zu haben. Sie wirkten auf mich als Leser als lückenfüllendes Blabla.
Mit keinem Charakter konnte ich mich identifizieren. Ihr Schicksal ließ mich kalt. Wer lebt – wer stirbt? Es war mir gleichgültig und ist es bis zum Ende geblieben. Peter Lake hat auch seinen Anteil in den weiteren Teilen des Romans, doch an dieser Stelle verliert auch er an Wiedererkennungswert und sein Wahn und sein Vergessen berührte mich in keinster Weise.


Setting und Stil:

Zu Beginn dieses „Leseabenteuers“ konnte mich der Kontrast zwischen winterlich/geheimnisvoller Beschreibung und der Auflistung grausamer Missstände in dieser fiktiven Stadt New York noch überzeugen.
Gerade in den Passagen, die sich außerhalb der Stadt abspielten habe ich den metaphorisch, allegorischen Stil des Autors sehr genossen. Zeitweise waren Wortwahl und Ausdruck von bemerkenswerter sprachlicher Anmut. Die Szenen rund um den nicht real existierenden Coheeris-See waren voller Poesie.
Leider hat auch diese Ortschaft – auch wenn sie häufiger vorkommt und zunächst den Anschein hat wichtig zu sein – keinen Anteil an der Geschichte.
Doch vor allem bei den Geschehnissen und den Beschreibungen innerhalb der Stadt wurde der Schreibstil immer ausufernder und hat mich in seiner Langsamkeit irgendwann nur noch genervt.
Die Liebe der Protagonisten zu Maschinen und den Blöcken ganzer Fabriken und Häuserbauten widerte mich an und war für mich nicht nachvollziehbar.
Die Beschreibungen am Ende, voller Gewalt, Sex und Grausamkeit verlor dann jede Form von Anspruch und ich war froh, als es endlich zu Ende war.

"Es gab keine schönere Kathedrale, keinen wohlklingenderen Chor als die Sterne, die aus der schweigenden Nacht herab zu all den vielen Schwindsüchtigen sprachen, jener stillen Legion von Verdammten, die irgendwo, von den anderen Menschen unbeachtet, in der Finsternis auf den Dächern ihrer Häuser standen und zum Himmel aufblickten."Seite 135

Fazit:

Ich bin mit vollkommen falschen Erwartungen an das Buch heran gegangen, und das – auch nicht nur das – hat meinem Lesevergnügen das Genick gebrochen.
Hätte man auf dem Klappentext andere Worte gefunden, hätte ich gewusst worauf ich mich einlasse und das Buch vielleicht nie gekauft.
Es müsste im Grunde lauten: „Wintermärchen – Die moral-philosophische Betrachtung einer aufstrebenden Stadt unter den Gesichtspunkten zweier Jahrhunderte.“ - oder so ähnlich zumindest. So bekam ich eine Geschichte ohne Handlung, mit flachen Charakteren und einem langatmigen, ausufernden Stil.
Die zeitweise aufblitzende sprachliche Vollkommenheit konnte nicht darüber hinweg täuschen, dass dem Leser immer und immer wieder mit der bildlichen Moralkeule einen über dem Schädel gezogen wurde.
Ich kann dieses Buch nicht empfehlen.


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