Dienstag, 20. Januar 2015

Rezension: Die Antiquarin von Sheridan Hay

Die Antiquarin
Sheridan Hay
rororo (1. Oktober 2008)
ISBN: 978-3499243875
Originaltitel: The Secret of Lost Things
432 Seiten
nur noch gebraucht zu erwerben

Kurzbeschreibung:

Rosemary Savage liebt Bücher über alles. Eines Tages entdeckt sie bei einem ihrer Streifzüge durch New York das riesige Antiquariat 'Arcade'. Rosemary ist völlig verzaubert und eröffnet dem Inhaber, dass sie unbedingt hier arbeiten will. Zu ihrem Erstaunen wird sie sofort eingestellt – für die junge Frau geht ein Traum in Erfüllung. Gemeinsam mit ihrem eigenwilligen Kollegen Oscar erkundet sie bei jeder Gelegenheit den Buchladen. Durch Zufall stoßen die beiden auf ein verlorengeglaubtes Manuskript von Herman Melville, dem berühmten Autor von 'Moby Dick'. Ein sensationeller Fund. Doch auch andere sind diesem Schatz auf der Spur.

Allgemeines:

Das Buch lag seit Ewigkeiten auf meinem Stapel ungelesener Bücher. Mindestens seit 2011. Ich kann mich auch gar nicht mehr daran erinnern, wo und wann ich es gekauft habe, oder wie ich darauf aufmerksam geworden bin.
Der Stempel, der das Buch als Mängelexemplar auszeichnet zeigt mir jedoch, dass ich es wohl irgendwann einmal irgendwo in einer Grabbelkiste für sehr wenig Geld gefunden haben muss. Eigentlich ist es ein Buch, was spätestens bei einem der Umzüge weggeben worden wäre, aber auf seltsame Art und Weise ist es dennoch bei mir geblieben.
Und im Zuge meine Alt-SuB-Abbaus habe ich es zur Hand genommen und dann doch gelesen.

Kurz und Knapp:

Und siehe da, es konnte mich tatsächlich überraschen. Es hält zwar nicht unbedingt, was der Klappentext verspricht, denn von einer „Schatzssuche“ alá Dan Brown, thrillerartiger Spannung oder ähnlichem ist nichts zu finden.
Dennoch ist das Buch ein ganz wunderbarer Roman, der herrlich skurril und voller verrückter, etwas abgedrehter Ideen ist. Es ist ein Wohlfühl-Buch. Ein sanftes, zartes Buch, das einem ab und zu eine Gänsehaut über den Rücken jagt. Aber eher eine, die aus der Faszination für das Abnorme entsteht.

Geschichte und Charaktere:

Die Handlung an sich bleibt durchgehend ruhig und verschwindet fast die meiste Zeit im Hintergrund. Rosemary kommt zum ersten Mal in die große Stadt New-York und muss sich dort erst einmal zurecht finden.
Sie betritt eines Tages zufällig das Arcade, findet dort ihren Hafen und entscheidet sich dort zu arbeiten. Dort lernt sie neue Kollegen und auch Freunde kennen und findet eines Tages einen Hinweis auf ein verloren geglaubtes Manuskript. Doch gerade dieser Handlungsstrang rund um das Manuskript lässt lange auf sich warten und füllt auch danach nur einige Lücken.
Wichtiger, viel wichtiger ist die Interaktion zwischen den einzelnen Charakteren, die alle mit sehr viel Tiefe und sehr viel Skurrilität beschrieben werden.
Es geht weniger um die Suche nach dem Schriftstück, als viel mehr um die Selbstfindung einer jungen Frau, die jung und ein wenig unbedarft mitten in das Abenteuer Leben geworfen wird.

Nebenher könnte man den Roman aber auch als Sozialstudie von Randgruppen bezeichnen, denn er ist beides.
Rosemary ist die normalste Figur von allen. Ein wenig scheu, unbedarft, zeitweise naiv, aber nie dumm, oder zickig, bleibt sie sehr sympathisch und lädt zur Identifikation ein. Im Hinblick auf den Tod ihrer Mutter wirkt sie manchmal etwas zu kindlich, (nicht kindisch) aber gerade diese Schwäche macht sie zu einem herzerwärmenden Charakter.
Die anderen Figuren sind dagegen alle sehr viel schräger, wenn auch nicht weniger facettenreich. Da wäre der einsame, zurück gezogene Oscar, der nicht viel mit Menschen anfangen kann, der sich aber zwanghaft mit Stoffen auseinander setzt und der Wissen sammelt. Er als Figur wurde mir mit der Zeit richtig gehend unsympathisch. Denn er ist unemphatisch und teilweise ein richtiges Ekel. Aber gerade dieser Zwiespalt zwischen Rosemarys Gefühlen für ihn, seiner anfänglichen Freundlichkeit und der Veränderung, die er erfährt in den Augen des Lesers, machen ihn zu einem außerordentlichen interessanten Charakter.
Daneben gibt es dann noch Mr. Geist, einen kränklichen Albino, der zunächst der Unsymphat der Story ist, der aber ebenfalls eine Wendung in den Augen des Lesers durchmacht und letztendlich eine nun mehr tragische Figur darstellt. Auch hier entsteht die Spannung aus der Interaktion mit der Protagonistin.
Noch mehr verrückter Figuren bevölkern den Roman, manche nur eine liebenswerte Randfigur, manche schon wichtiger, aber alle mit ihrer eigenen Geschichten, mit ihren Schwächen, Zweifeln und vor allem mit ihrem eigenen Verlust.

Denn auch das ist der Roman, eine Geschichte über verlorene Dinge und deshalb fügt sich der Strang um das verlorene Schriftstück nahtlos in diese Geschichte ein.
Der Originaltitel des Buches ist hier also deutlich treffender gewählt, als die Übersetzung, denn tatsächlich, hinter jedem Verlust steht eine Geschichte und das macht der Roman auf sehr sanfte, sehr liebevolle Art sehr deutlich.

Fazit:

Es ist kein Buch voller Action, kein spannungsgeladenes Meisterwerk, aber es ist eine sanfte, ruhige Erzählung von einer Frau, die nichts Bemerkenswertes erlebt, aber eben ihre eigene Geschichte, in ihrer eigenen kleinen Welt.

Es ist wie ein gutes Stück Kuchen, in einem winzigen Café in einer unbekannten Seitenstraße. Wer mit diesem Wissen an das Buch heran geht, wird seine Freude daran haben. 

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