Mittwoch, 5. März 2014

Rezension: Die Entdeckung der Langsamkeit von Sten Nadolny

Sten Nadolny

Piper (2012)
Taschenbuch
ISBN: 978-3492207003
9,99 Euro
384 Seiten

Kurzbeschreibung:

Die Entdeckung der Langsamkeit beschreibt das Leben und Wirken des englichen Seefahrers und Entdeckers John Franklin, der vor allem bekannt geworden ist, auf Grund seiner Erforschung der Nord-West-Passage. Doch in dem vorliegenden Roman werden ihm besondere Eigenschaften zugeschrieben – andere mögen es ein Handycap nennen - denn John ist in allem etwas langsamer als andere Menschen. Er kann Gesprächen nicht so gut folgen und einen Ball zu fangen ist für ihn eine unmögliche Aufgabe. Er hat den Blick für das Detail, aber der Blick für das Ganze stellt ihn vor ein Rätsel. Dennoch hat er nur einen Traum. Er möchte zur See fahren und dafür würde er alles tun. Als er es endlich schafft, entwickelt er einige ungewöhnliche Techniken um trotz seiner Langsamkeit mit der Welt und der Gesellschaft zurecht zu kommen.

Allgemeines:

Zunächst muss ich sagen, dass es mir schwer fällt eine Rezension zu diesem Roman zu verfassen. Denn einerseits weiß ich zu würdigen, was Sten Nadolny hier geschaffen hat, andererseits lässt mich das Buch auch ein wenig zwiegespalten zurück, denn so richtig begeistern konnte mich das Werk nicht, auch wenn ich einsehe, dass es so und nur so geschrieben werden konnte.

Eigentlich hatte ich schon lange vor, das Buch zu lesen, da es eine absolute Leseempfehlung von einer lieben Freundin gegeben hatte, aber das ist letztendlich schon Jahre her. Da mein Freund (anscheinend jetzt Exfreund *seufz*) aber begonnen hat es zu lesen und ganz begeistert war, und mich darum gebeten hat es ebenfalls zu lesen, habe ich dann doch damit begonnen.

Was ich noch anmerken muss, ich war begeistert, als ich das Cover gesehen habe und es sofort einem meiner Lieblingsmaler –William Turner – zuordnen konnte. Aber das nur so am Rande.

Stil:

Die Entdeckung der Langsamkeit ist irgendwie schon fast ein Kunstwerk. Zumindest stilistisch kann man das durchaus so sehen. Denn der Autor schenkt John Franklin nicht nur eine besondere Eigenschaft, sondern spiegelt sein Leben, seine Erfahrungen und seine Wahrnehmung auch in seinem Schreibstil wider.
John benötigt viele Wiederholungen um sich Dinge merken zu können, dazu kommt, dass er auf Grund seines Blicks für die Einzelheiten, manchmal einige Dinge nicht richtig, oder eben nicht vollständig wahrnehmen kann. An manchen Stellen im Buch wird das stilistisch aufgegriffen. 
Viele Begriffe der Seefahrt, die dem unkundigen Leser vermutlich wenig bis nichts sagen dürften, werden aneinander gereiht wie eben die Auflistung im Kopf des Charakters. Manchmal scheinen an einigen Stellen einige Dinge zu fehlen, nichts Essentielles, aber die Lücken sind eben vorhanden.

Ich möchte nicht sagen, dass das Buch daher schwierig zu lesen ist, aber es ist stellenweise ein etwas ermüdendes Lesen. Der Anfang, als John Franklins Behinderung bzw. Begabung (je nach Sichtweise) noch neu wirkt auf den Leser, ist es durchaus spannend zu beobachten, wie der Junge – später der Mann – damit umzugehen lernt, doch je weiter man voran schreitet im Buch, je mehr sich seine Erfahrungen wiederholen umso langwieriger kommen einem Stil und Betrachtungsweise vor.
Gerade im Mittelteil des Buches ziehen sich Handlung und Stil so unerträglich in die Länge, dass ich mehrfach davor stand das Buch zur Seite zu legen.

Am Ende wird es wieder etwas besser, John muss sich ganz neuen Aufgaben stellen, an denen er durchaus auch teilweise scheitert und daher weckt das Buch erneut das Interesse des Lesers.
Leider ist das tatsächliche Ende etwas abrupt, aber da es sich nun einmal um eine historische Figur handelt, war an dieser Stelle wohl auch wenig daran zu ändern.

Charaktere:

John selbst ist keine unsympathische Figur, er hat mitunter die gleichen Sorgen und Überlegungen wie jeder andere Mensch auch. Dennoch bleibt er dem Leser eigenartig fremd, denn oft sind seine Wahrnehmung der Dinge und seine Betrachtungsweise nicht auf Anhieb nachvollziehbar. Es ist als beobachte man ihn beim beobachten. Die meiste Zeit über steht man am Rand des Geschehens, weil man sowieso nur die Hälfte mitbekommt und meistens blieb ich persönlich seltsam unberührt. Dennoch muss man an einigen Stellen schmunzeln, denn manchmal sind Johns Handlungen sehr einfach gestrickt und beruhen auf einer sehr ruhigen Logik, die einem dann durchaus ab und an ans Herz geht. Zur gleichen Zeit hat man einen großen Respekt vor der Figur, die alles zu schaffen vermag, was sie sich vornimmt, trotz Schwierigkeiten und Hindernissen. Er löst viele Probleme einfach auf seine ganz eigene Art.

Die anderen Figuren haben durchaus Charakter, alle eine sehr eigene Persönlichkeit, einige sympathisch, andere das genaue Gegenteil. Wir lernen alle anderen Handlungsträger immer nur durch Johns Augen kennen, was die Sichtweise enorm einschränkt, denn John ist nicht richtig in der Lage den „ganzen Menschen“ zu sehen und so bleiben einem auch alle anderen Figuren seltsam fremd. Viele sind auf wenige kurze Eigenschaften zusammen gepresst und daher es ist es schwer, sich über alle eine fundierte Meinung zu bilden.
Aber abwechslungsreich sind die Charaktere schon. Gerade in der zwischenmenschlichen Interaktion kommt selten Langeweile auf.

Fazit:

Ja, das Buch ist sicherlich auf Grund von John Franklins Fähigkeiten, die Nadolny ihm angedichtet hat, irgendwie künstlerisch wertvoll, da sich Stil und Figur ergänzen, und ja, an manchen Stellen ist das Buch auch interessant, wenn auch nie wirklich spannend, aber leider hat es gerade im Mittelteil viele, viele Längen und ab und an wird auch der Stil etwas langatmig, dazu kommt, dass einem die Charaktere, auch wenn sie zum Großteil sympathisch sind, auf Dauer eigenartig fremd bleiben und man als Leser immer ein gewisses Gefühl der Distanz zu der eigentlichen Geschichte empfindet.

Es gibt Stellen, an denen kann man mal schmunzeln, es gibt Stellen, an denen Andeutungen ausreichen um den Leser an den Rand des Entsetzens zu führen, aber so alles in allem konnte mich das Buch nicht so richtig begeistern. Als ich es beendet hatte, konnte ich es ohne Bedauern weglegen und ich habe mich sicherlich auch nicht geärgert, es gelesen zu haben, aber irgendwie, ja irgendwie wollte es mir dann doch nicht so richtig gut gefallen.


„Die Entdeckung der Langsamkeit“  ist im Grunde Geschmackssache. Manche Leser werden sich sicher am Stil des Buches sehr erfreuen können, andere werden wohl weniger damit anfangen können. Denn irgendwie balanciert es zwischen Trivialliteratur und dem was man vielleicht als tatsächliches Kunstwerk bezeichnen will. Ich selbst bin eher unsicher, was ich von dem Roman halten soll. 

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