Montag, 17. Februar 2014

Rezension: Der Hundertjährige der aus dem Fenster stieg und verschwand von Jonas Jonasson

Jonas Jonasson
Der Hundertjährige der aus dem Fenster stieg und verschwand
carl's books (29. August 2011)
Originaltitel: Hundraaringen som klev ut genom fönstret och försvann
ISBN: 978- 3570585016
416 Seiten
14,99 Euro

Kurzbeschreibung:
Der Hundertjährige Allan Karlsson wird hundert Jahre alt und da er in seinem Leben schon so allerhand erlebt hat, reizt ihn die Aussicht auf eine große Party im Altenheim mit Pressvertretern und unfreundlichen Pflegerinnen so gar nicht. Kurzerhand steigt er aus dem Fenster und macht sich blind auf die Reise. Unterwegs begegnet er einem gut gefüllten Geldkoffer, einem Kleinkriminellen, einem Elefanten und sehr vielen anderen skurrilen Persönlichkeiten.

Vorweg:
Auf Grund der negativen Kritik einer Freundin hätte ich das Buch vermutlich niemals angerührt. Des Weiteren hat  mich der Klappentext beim ersten Lesen nicht angesprochen und wäre nicht die Ma‘ meines Partners gewesen, hätte ich das Buch vermutlich niemals in die Hände genommen. Soviel kann ich aber sagen, ich bin froh, dass ich dem Buch eine Chance gegeben habe. Es hat mich sehr gut unterhalten.
Daher vielen Dank an H.W. aus E.

Gesamteindruck:
Ein auf seine Art und Weise absurdes aber gleichermaßen auch großartiges Buch. Im Grunde darf man natürlich die gesamte Handlung nicht allzu ernst nehmen und die Begebenheiten auch nicht allzu sehr auf ihre Glaubwürdigkeit überprüfen. Dennoch ist die Geschichte wunderbar stringent, in sich schlüssig  und auf skurrile Art und Weise sogar authentisch.
Die Charaktere sind durch die Bank weg sehr sympathische und wunderbar herzlich gezeichnete Figuren, die trotz ihrer Macken und Fehler alle durchaus liebenswert sind und von mir sehr schnell ins Herz geschlossen werden konnten. Jonasson hat es zur Kunst gebracht die Charaktere nur mit wenigen Strichen zu zeichnen und dennoch eine wunderbar ausgereifte Figur zu erschaffen. Natürlich wird auch an dieser Stelle etwas mit Übertreibungen und Klischees gespielt, aber das gehört für diese Art der Lektüre dazu.
Im Buch werden viele bekannte Persönlichkeiten aus der Geschichte aufgegriffen (als Beispiel: Truman, Stalin etc.) und auch diese werden auf sehr humorvolle Weise charakterisiert und wirken auf überspitzte Art und Weise glaubwürdig.
Bemerkenswert ist, dass (obwohl es sich hier im Original um ein schwedisches Buch handelt) die Schweden als Volk nichts besonders gut wegkommen. Es ist nicht so, dass irgendein Volk besonders gut wegkommt, aber die Schweden trifft es hier ganz besonders. Das tut dem Ganzen aber kein Abbruch, sondern führt nur zu noch mehr Schmunzlern bzw. Lachern durch den Leser.
Für mich war das Buch in sich geschlossen ein kleines Kunstwerk (in meinen Augen kann auch Trivialliteratur Kunst sein und gerade Jonasson scheint sein Handwerk zu verstehen). Für Jeden ist das Buch sicher nichts. Jemand dem es allzu sehr an Bildung mangelt könnte auf Grund der Flut an geschichtlichen und politischen Charakteren leicht ins Strudeln geraten, außer dürften hier Menschen, die sonst sehr viel Wert auf große Action legen etwas zu kurz kommen. Für alle anderen ist das Buch absolut zu empfehlen.
Stil:
Der Schreibstil muss auf jeden Fall gesondert bemerkt werden. Der Autor beschreibt das Leben und Sterben der Figuren, sowie eigentlich schlimme Themen (Atomwaffen, Arbeitslager etc.) mit einer bemerkenswerten Beiläufigkeit, die nahezu an Gleichgültigkeit grenzt, aber eben auch nur beinahe. Gerade diese Form der Beiläufigkeit macht einen Großteil des Humors aus. Der Schreibstil spiegelt sehr kunstvoll die Einstellung des Protagonisten. Denn auch Allan Karlsson interessiert sich nicht für Politik oder Weltgeschehen, sondern ihm genügen ein warmes Dach über dem Kopf, genug zu essen, eine Beschäftigung und eben sein Schnaps. Gerade der Mangel an Schnaps treibt ihn zu den meisten seiner Handlungen. Dennoch wirkt das Geschehen nicht lapidar oder nebensächlich. Sondern die Charaktere stolpern so durch die Geschichte und erleben Allerhand und gerade die Mischung aus beidem sorgt dafür, dass die Schilderungen nicht zu übertrieben oder zu sehr aus der Luft gegriffen wirken.
Allan ist außerdem kein Opportunist im eigentlichen Sinne. Er hat durchaus seine Anliegen und hat seine eigene Form von Moralempfinden und Freundschaft. Aber er bleibt sich selbst treu und gerade das macht ihn so außergewöhnlich sympathisch.
Allan richtet nicht, der Autor tut es nicht und so ist der Leser ebenfalls nicht dazu gezwungen.
 Der Autor springt von Innensicht zu Innensicht, je nachdem welchen Standpunkt er gerade darlegen will (das wirklich Lustige daran ist, dass er dabei nicht mal vor einem Elefanten Halt macht) und beleuchtet so das Geschehen aus verschiedenen Perspektiven, was die Geschichte an sich lebendig gestaltet.

Das Ende
In diesem Fall hatte ich ein wenig Sorge, dass mir das Ende des Buches missfallen könnte. Denn ich konnte mir nur schwer einen Epilog vorstellen, der einer quasi hundertjährigen Geschichte und dem Gesamtgeschehen gerecht werden könnte. Daher spreche ich an dieser Stelle ein großes Lob für den Autor aus, der es geschafft hat, alle Fäden zusammen zu führen, ein befriedigendes, ebenso humorvolles und vor allem gefälliges Ende für die Gefährten zu erschaffen.

Fazit:
Das Buch ist insgesamt humorvoll, lustig, ein klein wenig philosophisch, besticht mit liebenswerten Figuren, einer interessant verknüpften Geschichte und wird durch ein nahezu perfektes Ende abgerundet.
Ich vergebe die volle Punktzahl. Ich hätte niemals erwartet, dass mich das Buch so begeistern könnte. 

Kommentare:

  1. Das ist echt der Wahnsinn! Gute Rezension ;) Aber ich habe schon so viele Stimmen zu dem Buch gehört, entweder ganz positiv oder ganz negativ. Dann werd ichs wohl auf jeden Fall in nächster Zeit lesen müssen :)

    Liebe Grüße
    Souci
    ~ buecher-garten.blogspot.de

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  2. Ging mir vorher ja ganz genauso. Das Buch reißt die Meinungen auseinander. Normalerweise stehe ich nicht so sehr auf schräge Romane, und mit skandinavischen Krimis hab ich so meine Probleme, aber anscheinend mag ich die eher schrägen Romane aus dem Norden sehr gerne. :) Daher war ich auch echt skeptisch vorher, aber für mich hat sichs auf jeden Fall geleohnt.

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