Dienstag, 8. Oktober 2013

Rezension zu Der Übergang von Justin Cronin

Justin Cronin
Der Übergang

Goldmann (12.12.2011)
Taschenbuch
ISBN: 978-3442469376
Originaltitel: The Passage
1040 Seiten
9,99 Euro

Statement:

Es fällt mir schwer, für dieses Buch eine wirklich aussagekräftige Rezension zu schreiben. Leider haben wir hier den Fall „Der Rezensent sieht den Wald vor lauter Bäumen nicht“. Das was ich damit meine ist, dass ich das Buch im Zuge einer Leserunde in diesem Forum *klick* gelesen habe und daher fast jedes Kapitel, jede Szene, jede Figur sehr genau betrachtet und analysiert habe. Ich habe mir quasi zu jeder Formulierung eigene Gedanken gemacht, daher habe ich die Befürchtung, dass ich auf Grund des sehr detaillierten Lesens diesem Buch kaum gerecht werden kann, weil ich mich in zu vielen Spitzfindigkeiten verliere.
Aber obwohl die Leserunde eher schleppend verlief, hat mir das Lesen den Buches sehr viel Spaß gemacht und trotz einiger weniger Schwächen, war das Buch eines der Besten, die ich dieses Jahr gelesen habe. Ich werde also versuchen mich halbwegs kurz zu fassen.

 
Kurzbeschreibung:




"Das Mädchen Amy ist gerade einmal sechs Jahre alt, als es von zwei FBI -Agenten entführt und auf ein geheimes medizinisches Versuchsgelände verschleppt wird. Man hat lange nach Amy gesucht: der optimalen Versuchsperson für ein mysteriöses Experiment, das nichts Geringeres zum Ziel hat, als Menschen unsterblich zu machen. Doch dann geht irgendetwas schief – völlig schief. Von einem Tag auf den anderen rast die Welt dem Untergang entgegen. Und nur eine kann die Menschheit vielleicht noch retten: Amy Harper Bellafonte."

Aufbau:

Trotz des großen Umfangs des Buches (1040 Seiten) lässt es sich schnell und mehr als flüssig lesen. Cronin hat das Buch in mehrere Teile unterteilt, die wiederum in verschiedene Kapitel unterteilt sind. Jeder Teil bedient ein anderes Setting und sehr viele verschiedene Charaktere, daher bleibt die Stimmung abwechslungsreich und es kommt keine Langeweile auf.
Um die verschiedene Teile voneinander abzugrenzen setzt Cronin vor jeden Teil ein Zitat aus anderen Werken, die immer, wenn auch manchmal eher schwer verständlich, etwas mit dem folgenden Geschehen zu tun haben.

Um das Buch auch außerhalb des Inhalts abwechslungsreich zu gestalten, schreibt er einige Geschehnisse in Form von Tagebucheinträgen der handelnden Figuren, oder als E-Mailverkehr, oder eben hinterlassene Gesetzestexte etc. An manchen Stellen dient diese Schreibweise aber auch der Raffung des Geschehens, so dass nebensächliche, aber interessante Details ebenfalls behandelt werden können, ohne das Buch künstlich in die Länge zu ziehen. Außerdem geben diese Einschübe dem Buch ein erschreckendes Maß an Realismus.
 


„Peter fragte sich, ob es Stille danach war oder die Still davor. War es die Stille, in der die Schuld abgewogen wurde?“ Seite 522


 Stil:

Am Anfang des Buches schreibt Cronin sehr ausführlich, sehr detailverliebt und gibt jeder Figur nach und nach eine sehr ausgereifte Vergangenheit. Seine Schreibweise wirkt teilweise fast träumerisch. Die direkte Rede, die nicht in Anführungsstriche gesetzt ist, sondern durch kursive Schriftsetzung mitten im Satz gekennzeichnet wird unterstützt diesen Eindruck noch mehr. Für manch einen mag dieses Form der Figureninteraktion störend wirken, für mich wurde sie sehr bald selbstverständlich. Ab dem Mittelteil schreibt er aber sehr bemüht nach vorne. Die Szenensprünge werden härter, was dem Buch Tempo verleiht und die Spannung Stück für Stück steigert.

 

Sie sterben Lacey. Sie sterben und wollen wissen, wer sie sind. Warum können sie nicht damit aufhören?“ Seite 935

 Setting:

Der gesamte erste Teil des Buches erinnert an unsere derzeitige Gegenwart, vielleicht ein wenig in die Zukunft verrückt und vielleicht schon etwas verkommener. Straßensperren, viel Militär, Armut und die Schere zwischen den Ständen klafft möglicherweise etwas weiter auf. Das Setting wirkt verstörend, aber auch absolut realistisch. Vielleicht ist es genau dieses Gefühl, dass den Leser sofort gefangen nimmt.

Die nächsten Teile spielen noch weiter in der Zukunft und beinhalten ein vollkommen anderes Setting. Neuartig und irgendwie aber auch bekannt aus anderen Werken (auch Film und Fernsehen). Hier möchte ich nicht allzu viele Worte dazu verlieren, denn es würde den interessierten Leser allzu sehr spoilern. Dennoch das Setting wirkt logisch stringend, nimmt dem Leser den Atem, und hält die Spannung aufrecht. Die verschiedenen Orte sind dabei so abwechslungsreich, dass es immer wieder sehr faszinierend war die Reise der Figuren nachzuvollziehen.
 


"Du musst genau hier hin schießen“ sagt er und deutet auf die empfindliche Stelle unterhalb des Brustbeins. „Genau hier hin“ Wiederholt er, „Ich würde es selbst tun, wenn ich eine Waffe hätte" (Teil II)

Die Charaktere:

Die Figuren sind ebenso unterschiedlich, wie das Setting und der Stil und Aufbau des Buches. Cronin schont seine Charaktere nicht und weiß den Leser damit auch durchaus zu schockieren. Dennoch widmet er seinen Figuren sehr viel Zeit. Jede Figur, bekommt einen mehr oder weniger relevanten Hintergrund und eine interessante, aber auch ab und an etwas klisheebelastete  Vergangenheit.  Aber durch die teilweise durchaus bekannten Kniffe des Autor dürfte jeder Leser eine Figur zur Identifikation finden. Natürlich sind einige Figuren dafür besser geeignet als andere, denn Cronin stellt auch seine Antagonisten und die Grauzonen-Charaktere in allen Details dem Leser vor.
Es gibt sehr viele verschiedene Figuren und auch sehr viele verschiedene Hauptpersonen, daher kann und möchte ich nicht auf jede Figur einzeln eingehen, das würde durchaus den Rahmen sprengen. Dennoch möchte ich anmerken, dass die Haupfigur des ersten Teils sehr viel mehr Persönlichkeit besaß und mir sehr viel näher ging als die Hauptfiguren der weiteren Teile. Vielleicht weil er etwas weniger wirkte wie eine Schablone.




„Die Trauer, das wusste sie, war ein Ort, den jeder allein aufsuchen musste. Sie war wie ein Zimmer ohne Türen, und was in diesem Zimmer geschah, all der Zorn und der Schmerz, den man empfand, musste dort bleiben und ging niemand anderen etwas an.“ Seite 428

Das Ende:
Das Ende ist das größte Manko des Buches. Es driftete ins absolut Unrealistische ab, oft wird auf das Prinzip des Deus ex Machina zurückgegriffen und die Figuren agieren teilweise vollkommen undurchsichtig, so dass ich mehr als verärgert gewesen bin. Nur das letzte Kapitel (ein gemeiner Cliffhangar im Übrigen) lässt mich noch an den Realismusverstand des Autors glauben. Im Großen und Ganzen sind die letzten 50-60 Seiten der größte Schwachpunkt des Buches.

 


"Keine Zeit für große Abschiedsworte, du bist jetzt in deiner eigenen Zeit, Peter"

 Fazit:
 
Das Buch ist etwas Besonderes. Es ist mal träumerisch, mal absolut actionlastig, mal ist es Roman, mal Tagebuch, mal Kommunikation. Es ist abwechslungsreich, meistens in sich logisch und weist wunderbare und vielfältige Figuren auf. An manchen Stellen, wenn auch selten ist das Geschehen etwas trocken, an anderen Stellen dagegen fügt Cronin geschickt einige emotionale Szene ein, die dem Leser durchaus die Tränen in die Augen steigen lassen. Es ist ein Endzeitroman, der dem Leser nahe geht, weil er realistisch wirkt und erschreckend wahr.  Leider ist er am Ende etwas schwach, macht aber Lust auf den folgenden Teil.

1 Kommentar:

  1. Die Zitate sind leider etwas klein geschrieben, die kann ich nicht erkennen leider, aber ich habe auch schlechte Augen ;-)
    Ich habe das Buch angefangen, aber leider nicht zuende bekommen.
    Den ersten Teil mit Amy fand ich toll, aber als es dann mit diesem Ermittler da los ging, war die Luft raus. Trotzdem möchte ich es nächstes Jahr nochmal versuchen, Band 2 hat ja auch so ein tolles Cover, auch wenn das HC wieder sehr teuer ist.

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